BALKART

“Der Sexappeal von Gegenwartskunst hat sich hier noch nicht so etabliert”

Im sozialistischen Jugoslawien bekamen KünstlerInnen einen Lohn. Noch immer schafft es die Kunstszene in der Region nicht, einen Markt zu erschaffen und etwas Nachhaltiges aufzubauen. Jan Eugster nimmt sich dieser Herausforderung an und will mit seiner Galerie in Belgrad mehr als nur ein Schaufenster sein.

Ich fahre vorsichtiger und langsamer als gewöhnlich auf den Straßen Belgrads. Am Tag zuvor krachte mir ein Auto ins Heck und das noch auf der sechsspurigen Brankov Most – eine stark befahrene Brücke im Stadtzentrum über der Sava. An Belgrads Stadtgrenze liegt Jans Werkstatt – er sagt Werkstatt, nicht Atelier. Ein altes Industriegebiet mit sozialistischem Eingangstor, mit riesigen Hallen zu günstigen Mietpreisen. 

Ich bin kein Künstler, ich bin stolzer Handwerker. Wenn Du willst, ginge auch Kunsthandwerker.

Und habe eine Galerie in Belgrad.

Jan Eugster produziert seit über zehn Jahren Kunstwerke in Belgrad und ist Schweizer. 2009 begann er hier als Kunstgießer zu arbeiten, lernte die Szene kennen und begegnete KünstlerInnen, die keine Vermarktung fanden. Damit kennt er sich aus: Seit 1996 arbeitet er für die ganz großen Galerien und KünstlerInnen der Welt – Galerie Gagosian in New York, Galerie Perrotin in Paris, The Modern Institute in Glasgow. 

Mir sind damals ein paar KünstlerInnen aufgefallen, die gute Werke produzieren und ein wahnsinniges Potenzial haben, doch niemand kümmert sich oder benutzt es, um etwas Nachhaltiges damit aufzubauen. Im sozialistischen Jugoslawien war die Erwartung, dass der Staat an den Karrieren der KünstlerInnen arbeitet. Deshalb war es nicht notwendig, für Mechanismen der Selbstvermarktung zu sorgen oder in die Galeriearbeit zu gehen. 

Jans Hände sind staubig, das Rot seiner Honda XR650R vor der Werkstatt ist ausgeblichen, es hat schon mehr Länder bereist als ich. Sein Knowhow ist eine Rarität in der Region, seine Vorreiterrolle will er nutzen: Es soll ein Kunstmarkt in Belgrad und der Region entstehen, der KünstlerInnen ein Leben ermöglicht und eine Welle kreiert.

Galerien sind mehr als nur Schaufenster. Gegenwartskunst ist in der breiten Wahrnehmung noch nicht angekommen. Die letzten dreißig Jahre wurde wenig über Gegenwartskunst diskutiert, das Museum of Contemporary Art in Belgrad war zehn Jahre geschlossen. Nur KünstlerInnen aus der Szene selbst hat das Thema interessiert, es gibt keine Kunstkritik, keine Kunstmagazin. Die Leute sollten verstehen, dass es toller ist ein neues Kunstwerk daheim zu haben, als einen BMW. 

:mentalKLINIK (Istanbul), 2018
CATASTROPHICALLY GORGEOUS
Galerie Eugster || Belgrade
Photo Ivan Županac

Wer ein Gespür und Interesse für Wertschätzung von Kunst in der Region etablieren will, braucht einen langen Atem. Seit 2017 vertritt Jans Galerie EUGSTER II BELGRADE KünstlerInnen, die sich mit Inhalt und Kontext auseinandersetzen: u.a. Ksenija Jovišević, Šejla Kamerić, Vladimir Miladinović, Emir Šehanović. Jan spricht bei ihnen von Konsistenz. Kunsthochschulen auf dem Balkan lehren immer noch konservativ, naturalistisch – das gute, solide Handwerk wird noch immer hochgeschätzt. Es geht mehr darum, wie etwas aussieht, weniger um dialektische Fragen: Was ist eigentlich Malerei, was Ästhetik?

Einer seiner sechs MitarbeiterInnen setzt sich draußen zu uns an den Holztisch, zündet sich eine Zigarette an, macht Pause und schnippt Wanzen von der Kleidung. Regelmäßig muss Jan neue Leute einarbeiten – gute Handwerker und Handwerkerinnen finden im Ausland schnell besser bezahlte Jobs. Auch viele KünstlerInnen streben nach einem Leben im Ausland, suchen den internationalen Austausch, der verspricht, eine Quelle für Inspiration und gewinnbringende Kontakte zu sein. 

Der Überlebenskampf in Berlin ist beispielsweise genauso da, die Lebenshaltungskosten sind höher und ohne Galerie macht auch dort niemand Karriere. Hier hervorragend zu sein, ist einfacher als in New York. Die Szene selbst muss sich weiter öffnen und davon wegkommen, dass Kunst nicht kommerziell sein darf. Was soll daran schlecht sein? Kommerzialität ist kein Kriterium dafür, ob etwas gut oder schlecht ist. Kommerziell ist es dann, wenn die Kunst verstanden und verkauft wird.

Immer wieder klingelt Jans Telefon, Goran blättert seinen Facebook Newsfeed durch. Ich frage mich, ob Galerien wirklich noch zeitgemäß sind oder ob nicht soziale Medien diese Funktion mittlerweile übernehmen.

Ein Galerist, eine Kuratorin ist immer ein Filter, der Glaubwürdigkeit und Wert generiert. Social Media ist immer nur ein Schaufenster, kann Interesse und eine Followerschaft generieren. Doch zuletzt zählt, dass die Arbeiten an den richtigen Orten präsentiert werden und dass bestimmte Leute das Potenzial der Werke bescheinigen. Wer verkauft, macht nicht automatisch Karriere. Nur wenn der Preis über die Jahre steigt, ist von Karriere zu sprechen. Es gibt Kunst, die nicht groß verkauft wird und trotzdem gute Kunst ist. Es gibt jedoch kaum Kunst, die teuer verkauft wird und nicht gute Kunst ist.

Emir Šehanović, 2019
The world was to me a secret which I desired to divine 
Galerie Eugster || Belgrade
Photo Ivan Županac

Abgesehen von SammlerInnen und TouristInnen, die den Weg in seine Belgrader Galerie finden und dabei gelegentlich etwas kaufen, bietet Jan die Werke seiner KünstlerInnen auf internationalen Kunstmessen an. EUGSTER II BELGRADE – der Name zieht: ein Ausländer in Belgrad, eine Galerie aus Ex-Jugoslawien und dann noch Gegenwartskunst aus der Region. 

Das Interesse ist immens, südosteuropäische Kunst gilt als exotisch, vor allem Kunst von Frauen findet mehr und mehr Beachtung und Nachfrage in der Kunstwelt. 

Frauen haben im Moment bessere Chancen. Es hat sich umgedreht und das ist gut so, denn es braucht eine Weile, damit es sich egalisiert. In der Kunstwelt blieb Osteuropa in den letzten dreißig Jahren unentdeckt, nur wenige Namen oder Bilder stecken in den Köpfen. Jetzt besteht die Chance, eine eigene Ästhetik zu entwickeln und sich in ein weltliches, europäisches Kunstinteresse einzugliedern. 

Jan wird nervös – in wenigen Wochen muss er eine Auftragsarbeit für John Henderson aus Chicago nach Paris liefern. Das großformatige Relief ist eine Herausforderung, der Transport anspruchsvoll. Zeit hat er immer zu wenig, dafür ist sein Atem umso länger. 

Für die Region hoffe ich, dass über die Grenzen hinaus zusammengearbeitet wird und es nicht mehr heißt, Belgrad macht was für Belgrad oder Sarajevo was für Sarajevo. Ich wünsche mir, dass das ganze System anfängt zu leben.

Kunstschaffende auf dem Balkan müssen mindestens einen genauso langen Atem haben wie Kunstermöglichende. Als Frau sich diesen Raum zu nehmen, stelle ich mir abermals herausfordernd vor. Wie es ist, eine junge Künstlerin in Serbien zu sein, erzählt mir Ksenija Jovišević. Ich treffe sie in meinem Garten zwischen Obstbäumen.

Aktuelle Ausstellungen https://www.eugster-belgrade.com/exhibitions/

ermöglicht durch ein IJP-Stipendium 2021

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