Waldohreulen im Baum

Die Eule hat in vielen Epochen und Kulturen Aufsehen erregt; sie ist ein Widerspruch in sich. Gilt sie als weise und beschützend, ist sie mitunter als Unheilsbote verschrien. Von Artgenossen geschasst, erreicht sie unter Menschen bisweilen Kultstatus. Doch wer hat schon eine Eule mit eigenen Augen gesehen?

Meine Großmutter Danica fand ihre letzte Ruhestätte in einer dörflichen Kleinstadt in der Vojvodina – im Norden Serbiens. Ich durfte damals nicht dabei sein, weil hier alle immer so arg schreien auf Beerdigungen und die langen schwarzen Röcke der Frauen angsteinflößend sind; noch heute übrigens. Jahre später entdeckte ich Aufnahmen in der Foto-Schublade meiner Eltern – es war damals die richtige Entscheidung.

Mit einem Strauß Chrysanthemen in der einen, einem Besen in der anderen Hand, ging ich durch die Gräberreihen. Noch lag alles im Winterschlaf, die Blumen welk, die Inschriften regenverschmiert. Erst zu Ostern wird alles wieder strahlen; bunt, hübsch, das Unkraut gezupft sein. Ein Grab hatte es besonders schlimm getroffen – Tauben schienen den angrenzenden Nadelbaum zu bewohnen. Vögel schreckten auf, ich umso mehr – doch waren es keine Tauben. Tatsächlich, Eulen! Waldohreulen – erkannte ich sofort, hatte ich doch erst wenige Tage zuvor Eulen – Ein Portrait von Desmond Morris gelesen. Die langen Federohren zur Zierde, das schwarz-braun gemusterte Federkleid, nicht zur Zierde. Sie landeten sicher auf der anderen Seite; selbst bei Tageslicht sehen Eulen noch besser als wir Menschen – entgegen der weit verbreiteten Annahme.

Ausgespieene Knäuel unverdauter Mahlzeiten bedeckten den Boden. Ja, auf einem Friedhof lässt sich gutes Futter finden. Ich blickte in den Baum und somit einer Eule so tief in ihre orangegelben Augen, dass ihre raue Eleganz und Anmut mich in meine Schranken wiesen. Sie ließ sich nicht in die Flucht schlagen; stattdessen musterte sie mich aufmerksam. Nicht sie, sondern ich fühlte mich ertappt – sollten wir doch häufiger Demut gegenüber Natur und Umwelt aufbringen, kam mir in den Sinn. So auch ein Gedicht, das im Jahr 1875 in der britischen Satirezeitschrift Punch erschien:

Einst hauste ein Käuzchen in einem Baum,

es hörte viel, denn es sprach kaum,

und noch viel mehr bei noch mehr Schweigen –

ach, wär‘ das den Menschen auch zu eigen!

Das war sie also, meine erste Eulen-Begegnung. Sie kam früher als erwartet, dafür umso intensiver und eindrücklicher. Ihr tiefdringender Blick verriet viel – Unheil, gar Böswilligkeit, allerdings nicht. Es sollte sich wiederholen, denn die Waldohreulen blieben, und Oma sowieso.


Zum Weiterlesen:

Waldohreulen auch in Kikinda – Welthauptstadt der Eulen http://blog.br.de/studio-wien/2015/03/02/serbien-kikinda-die-welthauptstadt-der-eulen/

Eulen – Ein Portrait von Desmond Morris, Naturkunden Nr. 13; Gedicht S. 52.

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